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für Petra und Emil

Wortraum Winterhausen


Viele sind die engen Treppen hinauf gestiegen, der Dichter aus Berlin mit der viel jüngeren Frau, die ihn mahnte, sich nicht zu übernehmen, der Hamburger Autor, der sich vor der Lesung noch schnell ein Bier genehmigen musste, die ältere Dame mit den sensiblen Gedichten im hohen Ton, der Spaßmacher und Sprachakrobat, der erfahrene schreibende Literaturfunktionär, die schnodderige Berlinerin mit den skurrilen Ostgeschichten, der großgewachsene Lyriker, der viel zu früh verstarb. Sie alle haben dort ihre Gedichte und Geschichten, ihre heiteren und ernsten Betrachtungen gelesen, die weltfremden und engagierten, haben sie vorgetragen, deklamiert, getragenen Tones und flüsternd fast, polternd und bedächtig, ironisch und todernst, und mit ihnen sind viele Menschen diese hölzerne Treppe hinauf gestiegen, Menschen aus der nahen Stadt, aus dem viel berühmteren Städtchen gegenüber, aus dem kleinen Ort selbst, sehr junge und sehr alte Menschen; leichten Fußes oder schwer atmend sind sie hinaufgestiegen, und sie alle kamen aus keinem anderem Grunde als dem: dem Wort zu lauschen, dort oben im Wortraum im alten Sandsteinhaus im fast unbekannten fränkischen Dorf.

Klaus Gasseleder
aus: Fränkische Miniaturen, Collibri Verlag 2002